Stille Post der Bilder

Gedanken zum Thema von Andreas Perlick

Die Stille Post ist ein Spiel, bei dem eine Nachricht von Partner zu Partner flüsternd weitergeben wird. Dabei verändert sich die Nachricht immer mehr, weil man sich nicht an alles erinnern kann und manches auch falsch versteht. Heiter wird es dann, wenn man zum Schluß vergleicht, wie sich die Anfangsnachricht verändert hat. Natürlich hat dieses Kinderspiel auch einen pädagogischen Nutzen, dann man lernt spielerisch, wie Gerüchte und falsche Informationen entstehen können.

Ich bin auf dieses Spiel aufmerksam geworden, als es im früheren „Dritten“ im Fernsehen in einer Spezialform gesendet wurde. Dabei wurden Geisteswissenschaftler eingeladen, die einen naturwissenschaftlichen Text weitergeben mussten, so dass die Weitergabe oft zu unvorhersehbaren Veränderungen führte. Das war nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich.

An diese Jugenderfahrungen musste ich wieder denken, als ich in Cheb in Tschechien das Festival Egerer Hinterhöfe besuchte. Da wurde ein photographisches Stille Post-Projekt vorgestellt. Der erste Partner gab ein Photo an den zweiten Partner weiter. Dieser antwortete darauf mit einem eigenen Bild. Und so ging es weiter mit insgesamt vier Partnern. Die Bilderreihen haben mich sehr berührt. Ich konnte mich richtig darin vertiefen, was der antwortende Photograph in dem Bild gesehen hat, das ihm vorgelegt worden war. Indem er bestimmte Aspekte des Bildes aufgenommen hat, hat er es für sich verarbeitet und interpretiert, um dann seine individuelle Interpretation als Beginn einer eigenen kreativen Umsetzung zu benutzen. Bei diesem Verarbeitungsprozess kommt der individuelle Hintergrund der Teilnehmer gleich zweimal ins Spiel, nämlich einmal bei interpretieren des gelieferten Bildes und beim Gestalten des Antwortbildes. Ich war, sozusagen, in der Lage, kreative Prozesse hautnah mitzuerleben.

Für die Aktivitäten, die Rüdiger Horeis rund um das Jubiläum seines SKF-Fotokreises plante, habe ich dann die photographische stille Post vorgeschlagen. Mit Teilnehmern aus der Gochsheimer Fotoamateurgruppe, der S/W Arbeitsgemeinschaft Süd und der Schweinfurter Radierwerkstatt sollte eine inhaltlich so breit gefächerte Teilnehmergruppe zur Verfügung stehen, dass sich das Projekt in idealer Weise entwickeln könnte. Die Idee kam gut an und wurde enthusiastisch unterstützt.

Was mich besonders freut ist die Tatsache, dass so viele Kolleginnen und Kollegen Interesse gezeigt haben, am Projekt teilzunehmen. Es ist ja doch eine Herausforderung, so aus dem Stand auf ein fremdes Bild zu reagieren und ein eigenes zu schaffen. Mit sieben, acht oder neun Partnern in einer Bilderreihe kann man sicher sehr interessante Entwicklungen beobachten.

Die so erzielte Breite macht es jetzt auch möglich, das Projekt in Katalogbuchform zu veröffentlichen. Natürlich sieht jeder Kreative seine Werke gerne an der Wand oder im Buch. Irgendwie legen Bilder, so präsentiert, an Bedeutung zu. Aber in diesem Fall ist eine Buchpublikation doch noch etwas wichtiger. Das Nachvollziehen der kreativen Entscheidungen bedarf Muße und Zeit und der Gelegenheit, sich auf das Projekt einzulassen. Und genau das wird mit dem Buch möglich sein. Insofern glaub ich, erst mit diesem Buch das Versprechen unseres Projektes wirklich erfüllt zu haben.

Ich wünsche den Besuchern der Ausstellung viel Spaß bei einem interessanten Ausflug in die Kreativität von Bildgestaltern.